Der Hubertustag erinnert uns Jahr für Jahr daran, dass Jagd weit mehr ist als die Erfüllung gesetzlicher Aufträge oder die Bewältigung aktueller Herausforderungen. Gerade in einer Zeit, in der die Jagd immer stärker mit Themen wie Waldumbau, Wildschadensprävention, Seuchenbekämpfung oder modernem Wildtiermanagement verbunden wird, lohnt sich ein Blick auf das, was die Jagd im Kern ausmacht: eine Lebenseinstellung, ein Handwerk und ein über Generationen gewachsenes Brauchtum.
Genauso wie wir erwarten, dass die Belange des Wildes berücksichtigt werden, sind auch die Anforderungen an Jägerinnen und Jäger im 21. Jahrhundert vielfältig. Eigentümer, Land- und Forstwirtschaft erwarten unseren Beitrag beim Waldumbau im Klimawandel, zur Regulierung von Wildbeständen, zur Eindämmung von Tierseuchen und zum Schutz landwirtschaftlicher Kulturen. Diese Aufgaben gehören heute zum jagdlichen Selbstverständnis. Doch bei aller Konzentration auf diese Funktionen dürfen wir nicht vergessen: Die Art und Weise, wie wir jagen, gestalten wir selbst.
Waidgerechte Jagd beschränkt sich nicht auf das Erlegen von Wild. Sie zeigt sich vor allem in der Haltung gegenüber dem Wildtier, im respektvollen Umgang mit der Kreatur und in der Offenheit, neue wildbiologische Erkenntnisse in der Jagdpraxis umzusetzen. Jagdliches Brauchtum ist dabei kein nostalgischer Selbstzweck. Es macht sichtbar, dass wir uns unserer besonderen Verantwortung bewusst sind und dem erlegten Wild Achtung entgegenbringen.
Respekt, Dankbarkeit und Demut
Wenn nach einer Jagd die Strecke verblasen wird, wenn Jagdhornklänge den Moment würdevoll begleiten oder wenn der Erlegerbruch und der letzte Bissen überreicht werden, dann werden Werte vermittelt, die den Kern unseres jagdlichen Handelns berühren: Respekt, Dankbarkeit und Demut. Selbst dort, wo praktische Erfordernisse, etwa die Wildbrethygiene, einer klassischen Streckenlegung Grenzen setzen, lassen sich Formen finden, die den Gedanken des Innehaltens und der Würdigung des Wildes bewahren.
Wir haben es in der Hand
Immer wieder wird beklagt, dass jagdliches Brauchtum an Bedeutung verliere oder mancherorts kaum noch gelebt werde. Doch Brauchtum lebt nicht durch Vorschriften oder Traditionen auf dem Papier. Es lebt durch Menschen, die es praktizieren, authentisch vorleben und an die nächste Generation weitergeben. Wer sich über den Verlust von Traditionen sorgt, muss bereit sein, selbst Verantwortung für deren Erhalt zu übernehmen. Als organisierte Jägerschaft haben wir es in der Hand, Jagdhornbläsergruppen zu fördern, junge Jägerinnen und Jäger an die Bedeutung von Bruchzeichen heranzuführen, die würdige Gestaltung von Jagden zu pflegen und den respektvollen Umgang mit Wild vorzuleben.
Der Hubertustag bietet deshalb nicht nur Anlass zur Erinnerung an unseren Schutzpatron, sondern auch zur Selbstvergewisserung. Die Herausforderungen unserer Zeit werden die Jagd weiterhin prägen. Ob die Jagd dabei auch künftig als Kultur, Handwerk und von Respekt geprägte Lebensweise wahrgenommen wird, hängt jedoch maßgeblich von uns selbst ab.
Brauchtum ist kein Relikt vergangener Zeiten. Es ist Ausdruck jagdlicher Identität. Wenn wir wollen, dass diese Identität auch künftig sichtbar bleibt, müssen wir sie mit Leben füllen – bei der Jagd, in der Gemeinschaft und im respektvollen Umgang mit dem Wild. Gerade darin liegt eine der wichtigsten Aufgaben waidgerechter Jagd im 21. Jahrhundert.
René Greiner (LJV)



