Die Ausbreitung invasiver Neozoen stellt die Jägerschaft in Baden-Württemberg vor wachsende Herausforderungen. Immer mehr gebietsfremde Arten breiten sich dynamisch aus. Sie können dabei heimische Wildarten durch Prädation und Konkurrenz gefährden, Lebensräume beeinträchtigen und sogar Infrastruktur wie Uferbefestigungen oder Hochwasserschutzanlagen schädigen. Für viele unserer ohnehin unter Druck stehenden Wildarten – insbesondere Bodenbrüter und Entenvögel – aber auch für Singvögel und Amphibien verschärft sich die Situation dadurch noch weiter. Besonders deutlich zeigt sich dies beim Waschbären, der für Jungtiere, Vögel und Amphibien eine erhebliche Bedrohung darstellt. Nutria wiederum untergraben mit ihren weit verzweigten Höhlensystemen Uferbereiche und gefährden damit Gewässer- und Hochwasserschutz. Nil- und Rostgans setzen durch ihr ausgeprägt territoriales Verhalten während der Brutzeit heimische Enten zusätzlich unter Druck, die Nilgans kann sogar Turmfalken oder Eulen aus ihren Nistkästen verdrängen. Etwas weniger im Fokus, aber keineswegs unproblematisch, sind Marderhund und Mink: Während der Marderhund als Bodenjäger besonders für Bodenbrüter, Amphibien und Reptilien gefährlich wird, ist der Mink ein äußerst effizienter wassergebundener Räuber und stellt auch eine Gefahr für bodenbrütende Vogelarten dar.
Damit wächst die Verantwortung der Jägerinnen und Jäger, die Ausbreitung dieser Arten einzudämmen, um heimische Wildtiere und Infrastruktur zu schützen. Gerade angesichts der angespannten Lage vieler Bodenbrüter und Entenbestände ist ein konsequentes Management unverzichtbar. Die jüngste Anpassung der Jagdzeiten, die nun eine ganzjährige Bejagung von Waschbär, Nutria, Nilgans, Rostgans, Marderhund und Mink ermöglicht, schafft hierfür die notwendige gesetzliche Grundlage und trägt den Anforderungen des Artenschutzes, der Biodiversitätssicherung und der Schadensprävention Rechnung. Jetzt gilt es, diese neuen Regelungen verantwortungsvoll und praxisnah umzusetzen.
LJV
Waschbär (Procyon lotor)
Der Waschbär wurde 1960 erstmals in Baden-Württemberg nachgewiesen und hat sich seither stark ausgebreitet. Seit den 1980er Jahren nimmt die Zahl der Nachweise besonders im Nordosten des Landes zu, inzwischen kommt er in allen Naturräumen vor.
Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet liegt in Mittel- und Nordamerika. Nach Europa gelangte er durch menschliche Einführung zur Pelzgewinnung. In Deutschland etablierte er sich durch Aussetzungen und entkommene Tiere aus Pelzfarmen.
Der Waschbär ist nacht- und dämmerungsaktiv, lebt meist einzelgängerisch oder in lockeren Gruppen. Er ist ein sehr guter Kletterer, gewieft und geschickt. Er ist äußerst anpassungsfähig, besiedelt struktur- und gewässerreiche Landschaften ebenso wie Städte. Die Setzzeit ist im Wildtierbericht und im Wildtierportal mit den Monaten April und Mai angegeben, die Zeit der Jungtieraufzucht reicht bis einschließlich Juli. Die männlichen Tiere sind nicht an der Jungenaufzucht beteiligt.
Der Waschbär wird seit dem Jahr 2016 als invasive gebietsfremde Art von unionsweiter Bedeutung eingestuft. Er verursacht ökologische Schäden, insbesondere durch Prädation von Eiern und Jungvögeln, Amphibien, Reptilien und selbst Laich. Besonders betroffen sind seltene Arten wie die Europäische Sumpfschildkröte und die Gelbbauchunke. Auch wirtschaftliche Schäden beispielsweise an Gebäuden in Siedlungen treten auf.
Jagdstrecke in BW:
JJ 14/15: 941
JJ 24/25: 10.628
Nutria (Myocastor coypus)
Das Nutria stammt ursprünglich aus Südamerika, wo es von den südlichen Regionen Brasiliens und Boliviens bis zur Magellanstraße verbreitet ist. Der Pelzhandel brachte die ersten Tiere in den 1880er Jahren nach Europa, wo sich bald Wildpopulationen außerhalb von Pelzfarmen entwickelten. In Baden‑Württemberg wurde das Nutria erstmals 1961 im Neckar‑Odenwald‑Kreis nachgewiesen. Heute finden sich die größten Vorkommen am Oberrhein und seinen Seitenflüssen, und der Bestand nimmt landesweit weiter zu. In den Reviererhebungen 2022/23 wurden aus fast 500 Gemeinden ein Vorkommen gemeldet.
Nutrias sind überwiegend Pflanzenfresser. Vor allem in der Dämmerung und nachts suchen sie nach Nahrung, während sie tagsüber gerne an Gewässern ruhen. Sie leben in Familienverbänden, graben Baue mit Eingängen über dem Wasser und sind gute Schwimmer, an Land jedoch eher unbeholfen. Die Art vermehrt sich ganzjährig, insbesondere in wintermilden Regionen. Zwei bis drei Würfe pro Jahr sind möglich. Die Jungen sind nach etwa vier Wochen selbstständig, das Männchen beteiligt sich nicht an der Aufzucht.
Ebenso wie der Waschbär befindet sich das Nutria seit 2016 auf der EU-Liste der invasiven Arten von unionsweiter Bedeutung. Es kann erhebliche Schäden verursachen, etwa durch seine Erdhöhlen an Dämmen, Deichen und Uferzonen, aber auch durch Fraß an Gewässervegetation und landwirtschaftlichen Produkten wie Mais und Rüben.
Jagdstrecke in BW:
JJ 14/15: 1.788
JJ 24/25: 4.765
Nilgans (Alopochen aegyptiaca)
Die Nilgans stammt ursprünglich aus Subsahara‑Afrika sowie dem Niltal und gehört zu den sich am schnellsten ausbreitenden Neozoen. In Europa geht die heutige Population auf entflogene Ziervögel aus den Niederlanden zurück, deren erste Bruten 1967 dokumentiert wurden. Von dort breitete sie sich rasch über mehrere Länder aus. Nach Baden‑Württemberg gelangte sie über die Rheinschiene, 1993 wurde die erste Brut im Land nachgewiesen. Seither steigen die Bestände kontinuierlich an. Zwischen 2009 und 2021 nahmen die Winterbestände laut Wildtierbericht um über 500 Prozent zu, und die Zahl der Gemeinden mit Brutnachweisen stieg bis 2022/23 auf fast 700 an.
Die Nilgans besiedelt Still‑ und Fließgewässer aller Art, bevorzugt jedoch urbane Gewässer in der Nähe kurz gehaltener Grünflächen. Nester werden im Gras oder Gebüsch, in Baumhöhlen wie auf Gebäuden angelegt, teils mehrere Kilometer vom Wasser entfernt. Die Art lebt in lebenslanger Paarbindung. Während der ausgedehnten Brutzeit bereits ab Januar ist sie stark territorial und kann auch gegenüber anderen Arten aggressiv auftreten. Bundesweit gilt die Nilgans laut DJV inzwischen als weiter verbreitet als die heimische Graugans: Sie kommt in 54 Prozent der Jagdreviere vor die Graugans in 51 Prozent.
Die Nilgans gilt seit 2017 als invasive Art von unionsweiter Bedeutung. Beobachtungen zeigen, dass sie Nester anderer Vogelarten besetzen. Zudem können Nilgänse landwirtschaftliche Schäden verursachen und in urbanen Bereichen zu Lärm, Verkotung und Konflikten mit der Bevölkerung führen.
Jagdstrecke in BW:
JJ 16/17: ca. 800
JJ 24/25: 2.261
Rostgans (Tadorna ferruginea)
Die Rostgans gehört wie die Nilgans zu den Halbgänsen. Ihr ursprüngliches Brutareal erstreckt sich über die innerasiatischen Steppen und Halbwüsten Chinas, der Mongolei und Kasachstans bis an die Grenzen Osteuropas, beschreibt der Wildtierbericht. Die asiatische Population kann bei ihrer Wanderung den Himalaya überqueren und dabei Flughöhen weit über 6.000 Meter erreichen.
Das heutige mitteleuropäische Auftreten geht auf entflogene Gehege‑ und Zuchttiere zurück. In Baden‑Württemberg breitete sich die Art seit den 1970er‑Jahren rasch aus, die größten Vorkommen liegen bis heute am Bodensee und entlang der schweizerischen Grenze. Inzwischen zählt sie nach Nil- und Kanadagans zu den am schnellsten wachsenden invasiven Vogelarten in Deutschland.
Die Rostgans lebt monogam und ist während der Brutzeit streng territorial. Die Nahrungssuche erfolgt häufig weit entfernt vom Gewässer, wobei offene Vegetationsstrukturen für die Revierwahl wichtiger sind als der Gewässertyp. Bei der Rostgans ist die Brutzeit saisonal deutlich eingegrenzt und umfasst die Monate April bis Juli, inklusive der Jungenaufzucht. Das Weibchen brütet überwiegend in Höhlen, beide Eltern führen die Jungen.
Die Rostgans weist eine starke Bestandsentwicklung auf und kann durch ihr aggressives Verhalten heimische Vogelarten aus Brutrevieren verdrängen. Zudem kann sie wie alle Gänse Fraßschäden an Gemüse und Getreide verursachen.
Jagdstrecke in BW:
JJ 23/24: 41
JJ 24/25: 56
Marderhund (Nyctereutes procyonoides) und Mink (Neogale vison)
Der Marderhund stammt ursprünglich aus Ostasien und wurde im 20. Jahrhundert als Pelztier großflächig im europäischen Teil der ehemaligen UdSSR ausgesetzt. Von dort breitete er sich westwärts aus, teilweise durch erneute Aussetzung. Erste Nachweise in Deutschland stammen aus den 1960er‑Jahren, in Baden‑Württemberg wurde er 1970 im Schönbuch registriert. Heute melden Jägerinnen und Jäger aus rund 250 Gemeinden ein Vorkommen. Noch scheint sich die Art im Land aber nur langsam auszubreiten. Der Marderhund ist dämmerungs- und nachtaktiv. Als wenig begabter Kletterer nutzt er häufig verlassene Fuchs- und Dachsbauten und hält teils Winterruhe. Er meidet Siedlungen weitgehend und bevorzugt feuchte Lebensräume. Als Allesfresser lebt er opportunistisch, seine Setzzeit liegt im Frühjahr, und beide Eltern beteiligen sich an der Jungenaufzucht. Untersuchungen belegen, dass er während der Brut- und Laichzeit erheblichen Druck auf Bodenbrüter und Amphibien ausüben kann.
Der Mink, die nordamerikanische Version des Nerzes, gelangte ab den 1920er‑Jahren über Pelzfarmen nach Europa. Ausbrüche und Freilassungen führten zu einer raschen Ausbreitung, erste Wildnachweise in Deutschland (Lausitz) stammen aus dem Jahr 1930. Für Baden‑Württemberg gibt es bislang keinen bestätigten Nachweis, doch Meldungen und Sichtungen aus mehreren Gemeinden wird laut Wildtierbericht nachgegangen. Besonderes Augenmerk gilt aktuell den Randregionen zu Hessen und Bayern. Der Mink ist stark an Gewässer gebunden und lebt als territorialer Einzelgänger. Ab etwa Mai setzt das Weibchen seine Jungen, die ab Juli erste Streifzüge unternehmen. Das Männchen ist nicht an der Aufzucht beteiligt. Der Mink jagt Fische, Amphibien, Kleinsäuger und Wasservögel. Studien zeigen besonders während der Brutzeit erhöhte Prädationsraten auf Wasservögel.
Beide Arten eint ein hohes Ausbreitungs- und Reproduktionspotenzial sowie ein negatives Einflusspotential auf heimische Tierarten. Bei einem Vorkommen sollten sie im Rahmen der geltenden Jagdzeiten und unter Beachtung des Elterntierschutzes konsequent bejagt werden, um eine Etablierung zu verhindern.



