Frisches Grün, längere Tage und ansteigende Temperaturen: Unser neues Jagdjahr beginnt. Leben füllt unsere Reviere, die Vorfreude auf neue jagdliche Erlebnisse, freundschaftliche Begegnungen und durch nichts zu ersetzende Momente und Stunden im Revier stiften uns Motivation für unser Engagement. Wie sehen die aktuellen Rahmenbedingungen aus?
Änderungen in der DVO JWMG
Im Dezember änderte Minister Hauk die Durchführungsverordnung zum JWMG. Nun gilt eine ganzjährige Jagdzeit auf Neozoen unter Beachtung des Elterntierschutzes. Außerdem können wir die Jungtiere der Gänse ganzjährig bejagen. Ein echter Fortschritt im jagdlichen Artenschutz.
Gleichzeitig konnten wir im ursprünglichen Entwurf enthaltene Verschlechterungen bei der Jagdzeit auf den Fuchs verhindern. Ebenso eine Jagdzeit auf Rehböcke und Schmalrehe ab dem 1. April. Aus guten Gründen wird auch in diesem Jahr der 1. Mai der Beginn der Jagdzeit sein. Ein besonderes Datum in unserem Jagdkalender.
Wolf
Der Wolf etabliert sich in Baden-Württemberg zusehends, und das nicht nur mit „Grindi“ während der Ranz, u.a. auf den Skipisten des Nordschwarzwaldes. Die Aufnahme des Wolfs in das Entwicklungsmanagement des JWMG durch die Änderung der DVO JWMG im Dezember 2025 war ein überfälliger und zielführender Schritt. Dieser ist im Zusammenhang mit der Änderung des BJagdG und des BNatSchG auf Bundesebene positiv zu bewerten. Es geht nicht darum, den Wolf erneut auszurotten oder Rudelstrukturen zu zerschießen. Vielmehr werden endlich die Grundlagen für ein zielführendes, nachhaltiges und zeitgemäßes Handlungsmanagement, auch beim Urahn unserer Jagdhunde, geschaffen. Das bedeutet nicht den Beginn einer flächendeckenden Wolfsjagd in Baden-Württemberg. Dafür gibt es Eingriffsmöglichkeiten dort, wo Eingriffe erforderlich werden.
Überaus erfreulich ist die Tatsache, dass wieder wildlebende Tierarten dem Jagdrecht unterstellt werden. Dies nutzt der gesellschaftlichen Akzeptanz der Tierarten und ermöglicht ein nachhaltiges, weidgerechtes Bestandsmanagement.
Biber, Goldschakal, Kolkrabe und Saatkrähe
Der voraussichtliche neue Ministerpräsident Cem Özdemir kündigte in seinem Wahlkampf den Abbau von Bürokratie an. Messen wir ihn an der erst kürzlich aus dem grün geführten Umweltministerium erlassenen Biberverordnung und dem Muster der Allgemeinverfügung zur Abwendung ernster landwirtschaftlicher Schäden durch Saatkrähen-Vergrämungsabschuss. Beide Werke legen die Schwelle für einen Eingriff bis hin zur letalen Entnahme sehr hoch.
Es ist und bleibt ungleich schwieriger, in Baden-Württemberg auf Basis der Biber-Verordnung auch nur einen Biber zu entnehmen als ca. 1.500 Stück Rotwild jährlich zu erlegen. Obwohl der Bestand des Bibers doppelt so hoch wie der des Rotwildes ist. Die Voraussetzungen werden bürokratisch so hoch definiert, dass sie in der Praxis der Verhinderung einer letalen Entnahme bzw. Erlegung gleichkommen. Bei dynamisch wachsender Populationstendenz. Dies wird zu erheblichen Beeinträchtigungen im ländlichen Raum führen. Wieso soll der Jagdschein nicht mit der erforderlichen Kompetenz für eine letale Vergrämung gleichgesetzt werden? Warum gibt es kein Recht des ersten Zugriffs der jagdausübungsberechtigten Person? Wesentliche Themen werden nicht geregelt, zum Beispiel die Reaktionsmöglichkeiten bei durch Verkehrsunfälle verletzte Biber. Die unteren Naturschutzbehörden werden alles haarklein regeln müssen. Für uns Jägerinnen und Jäger muss gelten: Wenn überhaupt werden wir in keiner Weise über das hinaus tätig, was nicht exakt in einer entsprechenden Verfügung der unteren Naturschutzbehörde geregelt ist.
Die beiden Beispiele Biber und Saatkrähe zeigen: Die Tierarten gehören, ebenso wie der Goldschakal und der Kolkrabe, in das JWMG übernommen. Damit werden eine Vielzahl von Themen im Sinne der Nachhaltigkeit rechtssicher geregelt. Die Grünen sollten sich endlich zu dem JWMG, das sie 2013/2014 geschaffen haben, bekennen und ein zeitgemäßes, pragmatisches Wildtiermanagement ermöglichen. Selbstverständlich unter Beachtung von Schutzstatus der wildlebenden Tierarten und der Nachhaltigkeit. Ob die Grünen nach dem Vertrauen zerstörenden Wahlkampf über ihren Schatten zu springen bereit sein werden, ist eine offene und spannende Frage.
Rotwild
Ein echter Meilenstein war die ebenfalls kürzlich erfolgte Aufhebung des Abschussgebots auf wandernde Junghirsche durch die erste Änderung der Rotwildgebieteverordnung seit dem Jahr 1958. Vernetzung – Austausch – Zukunft: Das Land hat einen überfälligen Schritt zur Ermöglichung eines genetischen Austauschs zur Sicherung der Überlebensfähigkeit seines Wappentiers unternommen. Wir haben damit ein langjähriges Ziel erreicht. Jetzt wird es darum gehen, das Rotwildmanagement weiterzuentwickeln. Wir brauchen Verbundkonzepte und Verbundräume unter Beachtung des Generalwildwegeplans. Insbesondere die Rotwildgebiete Nord- und Südschwarzwald müssen unter Einbeziehung der Grundeigentümer und der Forstwirtschaft wieder miteinander verbunden werden. Das Ausbreitungspotenzial muss durch Schonung junger Hirsche und die Herstellung eines ausgeglichenen Geschlechterverhältnisses gefördert werden. Und im Südschwarzwald sind wir zusätzlich jagdlich gefordert: Die Hybridisierung des Rotwildes mit Sikawild gilt es zurückzudrängen.
Ein fachlich fundiertes Monitoring, eine abgestimmte Kommunikationsstrategie sowie sinnvolle und fachlich einwandfreie Bejagungskonzepte, die Fehlabschüsse vermeiden, sind Gebot auch in diesem Jagdjahr. Mit unserem fachlichen Rat bringen wir uns ohne Anfeindung von Personen gerne in das weitere Wildtiermanagement unseres Rotwildes mit ein.
Wild-Wald-Bewusstsein
Wild und Wald zusammen denken: Das LJV-Präsidium hat das Projekt Wild-Wald-Bewusstsein zu einem von zwei Schwerpunktthemen in diesem Jagdjahr erkoren. Im April werden wir ein Revierhandbuch mit vielfältigen Informationen zur Bejagung, zum Waldbau und zur Kommunikation veröffentlichen. Dialog auf Augenhöhe statt Konfrontation ist das Ziel. Wir haben bei dieser die Zukunft der Jagd wie kaum ein anderes Thema prägenden Herausforderung in Zeiten klimabedingten Waldumbaus kein Erkenntnisdefizit. So wissen alle Beteiligten über die Bedeutung jagdlicher Konzeptionen, die Art und Weise des Waldumbaus und über die Tatsache, dass Verbiss durch eine Vielzahl von Faktoren abhängig ist. Dies alles können und wollen wir in Ausgleich bringen. Dabei sind wir aber keine Dienstleister, sondern Anwälte von Wild und Wald. Für unsere Passion.
Jägerprüfung, Fort- und Weiterbildung
Im Laufe dieses Jagdjahres steht die Neuberufung der Jägerprüferinnen und Jägerprüfer an. Unser Konzept der Jägerprüfung werden wir behutsam fortentwickeln: Es wird ein landesweiter Prüferpool bei Beibehaltung der bisherigen Prüfungsstandorte geschaffen. Wir sind froh, dass wir uns mit dem Land über eine auf einem fachlich hohen Niveau, qualitativ gesicherte Jägerprüfung einig sind. Jagd ist gelebte Verantwortung. Da kann, darf und wird es auch bei der Jägerprüfung keine Abstriche geben. Neue Themen, wie Wolf, klimabedingt erforderlicher Waldumbau, Nachtsichttechnik und Kommunikationskompetenz müssen und werden wir in den Prüfungskanon mit aufnehmen.
Unsere Landesjagdschule wird konsequent Fort- und Weiterbildungsangebote, auch und gerade in neuen Formaten, anbieten. Auch im Rahmen der InfoJagd-Veranstaltungen werden wir die Themen aufgreifen.
Kommunikation und soziale Medien
Schockierende Reels, ungeschickte oder nicht durchdachte Äußerungen zu jagdlichen Themen in den Medien und Selbstpräsentationen, z.B. jagdlicher Influencer unter Missachtung fachlicher, ethischer, rechtlicher und Tierschutz-Standards: Soziale Medien sind unser aller Aufgabe. Die Bedeutung der medialen Inszenierung haben wir zuletzt im Wahlkampf zur Landtagswahl gesehen. Mit einem falschen Video, insbesondere noch zu einer falschen Zeit, kann die Aufbauarbeit vieler Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre zerstört werden. Unser Schulungsangebot in diesem Bereich werden wir ausbauen. Es gilt, was auch auf der Jagd gilt: Wir müssen überlegt, mit Maß und Mitte, mit Verstand handeln und stets die Wirkungen unseres Verhaltens auf Nichtjäger bedenken.
Aus gutem Grund hat das Präsidium des Landesjagdverbandes die Kommunikationsstrategie zum zweiten Schwerpunktthema des Jagdjahres bestimmt. Unsere Kommunikation zu unseren Mitgliedern, aber auch zu Nicht-Jägern und Entscheidungsträgerinnen in der Politik, wollen wir zeitgemäß fortschreiben. Und dabei alle mitnehmen. Wir müssen und werden uns überlegen, wie wir wen auf welchen Kanälen erreichen, gleich ob digital oder analog. Insbesondere das Thema der Einführung einer Verbands-App wird Gegenstand unserer Überlegungen sein.
Politik
Die neue Landesregierung wird vermutlich in derselben politischen Konstellation wie die alte Landesregierung auch die jagdpolitischen Geschicke in unserem Land lenken. Unter einem neuen Ministerpräsidenten, der bereits in Berlin in seiner Zeit als Landwirtschaftsminister mit jagdlichen Themen betraut gewesen ist. Wir werden wissensbasierte und keine ideologisch motivierten Entscheidungen und Gestaltungen einfordern. Wie es Cem Özdemir am Wahlabend sagte: Auf Augenhöhe und in der Mitte der Gesellschaft. Unsere Expertise bieten wir gerne an. In jagdlichen Fragen, aber auch bei den Themen Biodiversität und Landwirtschaft sowie Erneuerbare Energien und Wildtiere. Sehr genau werden wir beobachten, was im Koalitionsvertrag zu den Themen Wild, Jagd und Natur stehen und wie die neue Landesregierung handeln wird.
Waffenrecht
Beim Waffenrecht fordern wir eine Politik auf Landesebene ein, die keine zusätzliche Überregulierung zu bereits bestehenden rechtlichen Grundlagen schafft, die Praxis der Jagdausübung erschwert, das Vertrauen in Verwaltungshandlungen untergräbt und das gesellschaftliche Verhältnis zu legalem Waffenbesitz weiter polarisiert. Wir müssen einseitigen und dazu höchst fragwürdigen Rechtsauslegungen einzelner Waffenbehörden, insbesondere des Landratsamts Karlsruhe, endlich Grenzen setzen. Den Auftrag der Jagd einfordern, aber das Handwerkszeug zur Auftragserfüllung nur überreguliert und mitunter drangsalierend zur Verfügung zu stellen: Das passt nicht zusammen. Hoffen wir, dass auch im Bund das Waffenrecht unter besonderer Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit endlich gestrafft, übersichtlich gestaltet und angemessen reformiert wird.
Weidmannsheil im neuen Jagdjahr
Zusammengefasst stehen wir auch in diesem Jahr wieder vor Herausforderungen. Aber wir beginnen es mit Zuversicht und der Aussicht auf besondere und schöne und besonders schöne Momente, die unsere Leidenschaft prägen. Mit Wild, Natur und Hund. In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein kräftiges Weidmannsheil.
Ihr
Dr. Jörg Friedmann
Landesjägermeister



